Mehr Lehmwände

Mit stählerner Birne reißt der Stadtumbau-Ost immer mehr Lücken in die Schkeuditzer Innenstadt. Hausruinen verschwinden so, doch die Kernstadt wird buchstäblich immer löchriger. Notgedrungen setzt Schkeuditz auf die Moderne; Der umgestaltet betongraue Markt ist so kalt wie das lange Steinsofa darauf, der Rathausplatz eben so wenig einladend und auf dem einstigen Rittergut Altscherbitz stehen heute Einfamilienhäuser. Und: Der 40 Meter hohe DHL-Hangar sowie der Glas-Stahl-Airport besetzen immer mehr die Wahrnehmung dieser Stadt. Die kleine Kommune zwischen Leipzig und Halle – ohnehin mit einem Imageproblem versehen – ist dabei, nur noch als Wirtschaftsstandort gesehen zu werden. Die Identität droht völlig auf der Strecke zu bleiben. Umso wichtiger ist, dass identitätsstiftendes Altes erhalten bleibt. Spät hat sich die Kommune jetzt auf ihr Museumshaus von 1633 besonnen. Seit 80 Jahren wurde hier Heimatgeschichte zusammen getragen. Dies zu erhalten, das kostet Geld, könnte sich aber bezahlt machen: Mit etwas Glück danken es künftige Generationen. Beton hat die Stadt mit den beiden Start- und Landebahnen genug, es ist Zeit wieder mehr auf die alten Lehmwände zu setzen!

Quelle: Michael Falgowski, „Mehr Lehmwände“, LVZ, Rubrik Standpunkt, Seite 20, 6./7.10.2007.

„Malfabrik“ – warum nicht!

Die Malfabrik ist eine Utopie von Studenten der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst. Der erste Anlauf blieb hängen im Netz bürokratischen Widersprüche, der zweite zappelt auch schon wieder darin. Die Idee braucht Öffentlichkeit – und demokratischen Dampf.

Leipzig, so geht die Sage, sei einst auch eine Stadt der Kunst, eine Stadt der Künstler gewesen. Wer es Weiß, nennt beschwörend die Namen Klinger und Beckmann; lässt wehmütiges Gedenken an das Leipziger Künstlerhaus am Nikischplatz aufkommen, das, im Krieg zerstört, keinen Nachfolger fand! Einst gab es dort Ateliers, aber auch Werkstatträume und eine Galerie.

Fünf Studenten der Hochschule für Grafik und Buchkunst sowie der erste Prorektor Professor Seidel und ein Tischler für Atelierbedarf erinnerten sich dieses Hauses und wollten ähnliches in Leipzig wieder aufbauen. Vorausgegangen waren Projekte junger Künstler, wie 83/85 die Plagwitzer Interessengemeinschaft, der Leipziger Herbstsalon ’84 oder die Galerie Eigen-Art, bei denen die Künstler selbst die Ausstellungen organisierten.

Schließlich entstand 1987 an der Hochschule der Plan zu einer „Malfabrik“, die Atelierräume, Werkstätten, Galerie und Café beherbergen sollte. Man lief durch Leipzig und fand schließlich in einer alten Pelzfärberei, Hohlbeinstraße 38, ein für den Umbau geeignetes Objekt. Das Haus stand leer und verfiel.

Die Studenten schrieben an 15 „Entscheidungsträger“, die ihnen bedeutsam genug dünkten, Entscheidungen fällen zu können. Und, wie nicht anders zu erwarten, – alle zeigten sich begeistert. Im Herbst und Winter ’88 war’s, als Gespräche beim Rat des Bezirkes stattfanden und man sich zum Lokaltermin in der Pelzfärberei traf. Die FDJ (man erinnert sich?) wollte Geld geben; der Rat des Stadtbezirks Südwest ließ wissen, er habe das Haus dem Rat der Stadt überantwortet.

,strong>In der Folge lernten die Studenten gründlich die Widrig-und-Niedrigkeiten der Bürokratie kennen. Unterlagen wollte man ihnen nicht zeigen; schließlich erfuhren sie durch den Hausverwalter, dass die Besitzerin in Düsseldorf lebe und diese durchaus bereit sei, die Fabrik zu vermieten.

Nachdem Pläne zur Enteignung durch die jungen Künstler abgeblockt werden konnten, wollte die FDJ die Malfabrik zum Parteitagobjekt adeln, um an Geld und Materialien heranzukommen. Auch wollten sehr löblich, die Kampfreservisten der Partei für ein Jahr die Rechtsträgerschaft übernehmen. Der Plan wurde von einem erfahrenen SED-Streiter abgewürgt. Opitz sein Name, damals Vorsitzender des Rates des Bezirkes. Mit 1,5 Millionen zu aufwendig, befand er. Dr. Hartmut König, stellvertretender Minister für Kultur, wollte inzwischen wissen, dass „alles geregelt“ sei.

Wer es glaubt, mochte selig werden. Denn kaum ein halbes Jahr später meldete die Gewerberaumlenkung ihre Ansprüche an. Und, das Erstaunen war perfekt, der ein Jahr zuvor nach eigener Aussage nicht zuständige Rat des Stadtbezirkes Südwest. Die Farce wird vollkommen, als die Studenten Anfang November ’89 durch Zufall erfuhren, dass sie über ein Gebäude verhandelten, das seit 2 Monaten Kürchnermeister vergeben war.

Wieder machten sich die jungen Künstler auf, suchen ein neues zukünftiges Domizil. Sie finden es in der Auenstraße 4 – heute Henricistraße, einem denkmalgeschützten, neoklassizistischen Bau, der auch vom Verfall bedroht ist. Und nun gerät das Projekt „Malfabrik“ in die Zwickmühle. Einerseits sollen Geldmittel vorgewiesen werden, andererseits ist klar, es wird in solche Häuser überhaupt kein Geld investiert. Über den Verkauf des Hauses will niemand in der Stadt entscheiden, jetzt, so kurz vor der Wahl. Unterdessen sorgen sich die Künstler, sie könnten erneut draußen bleiben …

Quelle: Thomas Steinberg, „Malfabrik“ – warum nicht!, Neueste Nachrichten, Seite 2, 31.1.1990

Wo drückt Leipzigs Unternehmern tatsächlich der Schuh?

Leipzigs OBM Burkhard Jung wollte wissen, wie das Rathaus einheimischen Firmen am besten helfen kann

In dieser Woche luden Leipzigs OBM Burkhard Jung und Wirtschaftsbürgermeister Uwe Albrecht kleine und mittelständige Unternehmer der Region ins Bürgerbüro in der Katharinenstraße ein. „Wo drückt der Schuh, wo kann das Rathaus helfen?“, wollte er wissen. […]

[…] Olav Petersen von der „Bauhütte-OST“ setzte die Debatte um neue Aufträge in der Region fort. Man könne in der Bauhütte-OST alles. Man habe junge Leute an der Hand, mit deren Hilfe man sanierungsbedürftige Häuser in so einen Zustand versetzt, dass sie langfristig nachfolgend Arbeit für Handwerker bringen. Es handle sich dabei um Aufgaben, die große Unternehmen gar nicht übernehmen wollen. Man könne die Substanz tausender Häuser in Leipzig retten und dabei junge Leute an die richtige Arbeit heranführen, so dass diese auch wieder Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt bekommen.

Jung, der die Bauhütten-Leute seit langem kennt, versprach alle Möglichkeiten, die im Rathaus gegeben sind. […] Hier sollen also Voraussetzungen geschaffen werden, dass die Aufträge für Leipzigs Handwerker vor allem am Bau wieder wachsen.

[…] Insgesamt sollen – so ergaben die Gespräche – neben den regelmäßigen Runden des OBM mit Unternehmern auch Stammtische organisiert werden, in denen sich Unternehmen zusammenschließen – entweder nach Branchen oder nach Regionen. Natürlich auch mit enger Bindung an die Kommune.

Thomas Biskupek, „Wo drückt Leipzigs Unternehmer tatsächlich der Schuh?“, Sachsen Sonntag, Seite 10, 5.10.2008, www.leipzig.de